Bushcraft ist langsam ein Hobby, in dem Menschen mehr Zeit damit verbringen anderen zu erklären, was sie falsch machen, anstelle raus zu gehen und sich an ihrem Hobby zu erfreuen! Bauz, was für ein Satz! Und wo ist der Indianer? Und was soll die olle Machete da oben? Will ich gerne erklären. Es gibt in jeder Szene, in jedem Hobby, in jeder Sportart verschiedene Strömungen. Es gibt die Fraggles, die alles machen würden, Hauptsache es ist mit Bier und Grill-Fleisch zu verbinden. Dann die Enthusiasten, die alles “für die Sache” geben. Und dann gibt es noch die Sektierer, die den einzig wahren Sinn der Tätigkeit, der sie nach gehen erfasst haben! Für Rollenspieler: Das sind die +5 auf “alles besser als Du” Typen!

Eine immer stärker im Kommen begriffene Spezies, ist die Fraktion “Machen wir’s wie die Cowboys – äh – Indianer!”, welche frappierende Ähnlichkeit mit den Mittelaltermarktkelten der Reenactmentszene haben. Der Indianer ist der edle Wilde ala Karl May, versteht sich auf Du und Du mit jedem Spatz wie weiland Fiona in Shrek (oder Aschenbrödel), hat dem Kommerz abgeschworen, lebt in seinen Kommunen – äh – Stämmen und ist sich nicht zu stolz mal einen Baum zu umarmen! Peace Bruder Winnetou! Prinzipielle Marschrichtung ist, mit möglichst wenig Konsum alles zu erreichen und die Finger von modernen Errungenschaften zu lassen, weil das ja bequem, konsumorientiert und überhaupt nicht Sinn des Hobbys ist (Bushcraft DIN RAYMEARS-68/Grylls und so).

Jetzt habe ich es ja schon bei meinem Post zum Messer aka Goldenes Kalb geschrieben: Ich habe nicht im mindesten etwas gegen andere Auslegungen von Hobbyzielen – Wenn, ja wenn diese nicht mit missionarischem Eifer vorangetrieben würde, dass Torquemada seine helle Freude gehabt hätte! Formulierungen wie “Brauchst Du das denn?”, “Muss das sein?”, “Wo ist denn da der Anreiz?”, “Du hast aber schoooon begriffen, worum es in diesem Hobby geht..?” (in Klammer: “Natürlich nicht! Ich erklär dir das jetzt, ob Du willst oder nicht”) oder “Schau Dir mal an, wie die [setze beliebiges natives Buschvolk ein] das machen!” hat jeder schon mal gehört. Ja… Dann machen wir das doch mal?

Papua Neuguinea, Land mit vielen weißen Flecken und massig nativ lebender Stämme, ehemals dt. Kolonie, Land der verschlungenen Dschungelpfade und letzte Ruhestätte so manchen japanischen Bombers. “Waitman gat plenti save” – Weißer Mann weiß viele Sachen, ist ein geflügeltes Wort im melanesischen Pidgin (Tok pisin). Deswegen brachte ein guter Freund aus Papua Neuguinea neben Holzbögen und Fischspeeren obige Machete der Marke Tramontina (anstelle eine Steinbeils) von seinem einjährigen Aufenthalt in Neuguinea mit. Die in Brasilien gefertigten Tramontinas waren ein Verkaufsschlager, wie hierzulande die Mora Messer und weit verbreitet.
Moment? Macheten? Aus Brasilien? Moderner Kram, importiert aus dem Ausland, statt des Opas Steinklinge oder der angeschliffenen LKW Blattfeder eines kolonialen MAN Trucks? Ja wo bleibt denn da das native, primitive? In Neuguinea hat man mit Traditionen kein Problem. Opas Schädel als Kopfkissen? Warum nicht. Über-der-Erde-Bestattung? Hat sich bewährt! Kannibalismus? Na kl.. – äh – nein, das hat man hinter sich gelassen, beteuert man zumindest! Aber ansonsten sind auch Kühlschränke, Bier und schlicht Dosenöffner tolle Sachen. Neben Hartholzbögen und Fischspeeren!

Auch die Indianer Nordamerikas waren schnell dabei, Stein und Fell gegen Tuch und Stahl (und später Feuerwaffen gegen Bogen) zu tauschen. Bei letzterem waren die Indianer sogar so clever, so lange bei ihren “veralteten” Waffen zu bleiben, bis die Feuerwaffen mehr Nutzen als Selbstgefährdung mit sich brachten! (Vergleichbar mit den vorsichtigen PC Nutzern, die lieber mal eine Windowsversion überspringen, anstelle auf jeden Trend aufzuspringen!) Auch die Zulu Armeen, die im vorletzten Jahrhundert den Kolonialtruppen des Empires schwere Verluste zu fügten, waren mitnichten Technologiefeinde, die im Glauben an obskure Götter halbnackt auf Schützenreihen zu stolperten. Die Nataltruppen der Zulu bei der Schlacht von Islandwhana setzten verstärkt erbeutete Artillerie – und Scharfschützen – ein.

Was lernen wir daraus? Ein Wesenszug, den alle nativen Völker nahezu identisch zeigen, ist schlicht Pragmatismus: Was nützt, wird adaptiert, was unnütz erscheint, ignoriert. Kein Indianer hätte am Feuerbohren festgehalten, wenn er ein Feuerzeug bekommen hätte. Auf Rüschenhemden umsteigen? Naja… Natürlich war es gut zu wissen, dass er auch ohne Feuerzeug ein Feuer machen konnte. Aber es wäre kein Grund gewesen, den Besitzer eines Feuerzeuges zu verhöhnen. Und was kein “Nativer” jemals gemacht hätte, wäre aus Coolnessgründen auf eine Option zu verzichten, die sich ihm bietet. Genau das wird im “Native Bushcraft” gerne gepredigt: Feuerbohren statt Sturmfeuerzeug, Spalttechniken statt Axt, primitive Skillz statt Survivalkit.

Weil: Die Indianer machen es ja genauso! Nein, machen sie nicht! Die Indianer sind im hier und jetzt angekommen. Und auch traditionsverbundene Indianer nutzen heute Magnesiumfeuerstähle und entwerfen Messer für und mit TOPS. Klar ist es urig, wenn das Feuer nach 2-3 Stunden, Blasen erzeugendem, Schrubbeln an einem Holzstück brennt, obwohl alle umstehenden ein BIC Feuerzeug in der Tasche hatten. Aber ein Indianer wäre niemals so dumm gewesen, aus Jokus auf ein Hilfsmittel, zu dem er Zugriff gehabt hätte, wissend zu verzichten und zu riskieren, dass er davon Schaden nehmen würde! Denn er hatte nicht die Option, danach ins Auto zu steigen und heim zu fahren, zu Mikrowelle und 5 Minuten Terrine!

Deswegen meine Bitte: Wer Zivilisationsflucht betreiben, ambientig campen und sich wie Old Shatterhand fühlen möchte, der kann dies gerne tun, aber erwartet bitte nicht, dass jeder “Juchee!” schreit und seine Ausrüstung verbrennt, sich eine Indianerpfeife kauft und sich damit fietschender Weise ans Lagerfeuer hockt! Und hörts doch bitte auf, dieses Hippie-Baumkuscheln als das einzig wahre im Hobby zu predigen und euren Wahn mit den Urvölkern zu rechtfertigen! Die waren nämlich nicht so doof! Die haben sich weiter entwickelt UND sind der Tradition treu geblieben. Eine Gratwanderung, die viele Baumkuschler nicht ganz auf die Reihe bekommen!

“Waitman gat plenti save” – Weißer Mann weiß viele Sachen – wenn er sie doch nur nicht so hartnäckig ignorieren würde…

/grimm

(Dieser Artikel erschien bereits 2014 im alten Blog, sollte er euch bekannt vorkommen, kann es daran liegen, dass Ihr eminem Blog shcon seit 4 Jahren folgt. Sehz mir das Receycling bitte nach, ich fand es aktuell wie eh und jeh!)